Von der Studie zum Praxisleitfaden – Modellprojekt zum Überholabstand zwischen Kfz und Rad liefert neue Erkenntnisse

Zu enge Überholabstände von Kfz wirken sich negativ auf das subjektive Sicherheitsgefühl von Radfahrenden aus. Im Projekt werden die Überholabstände in Modellkommunen gemessen sowie Maßnahmen für größere Überholabstände entwickelt und getestet.

Hintergrund

Enge Überholvorgänge durch Kfz sind einer der größten Stressfaktoren für Radfahrende. Sie mindern das subjektive Sicherheitsgefühl und beeinflussen die Entscheidung, ob das Fahrrad im Alltag genutzt wird. Ausreichende und sichere Überholabstände sind damit ein wesentlicher Entscheidungsfaktor bei der Mobilitätswahl. Seit der StVO-Novelle 2020 gilt: Innerorts mindestens 1,50 m, außerorts 2,00 m Seitenabstand zum Radfahrenden beim Überholen. Im Alltag zeigt sich jedoch, dass diese Regeln häufig nicht eingehalten werden. Viele Kommunen stehen deshalb vor der Frage, wie sie reagieren können.

Um Antworten zu finden, haben zehn Modellkommunen (Aalen, Backnang, Baden-Baden, Heilbronn, Mengen, Offenburg, Schorndorf, Singen, Stuttgart und Ulm), die Arbeitsgemeinschaft Fahrrad- und Fußverkehrsfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg e. V. (AGFK-BW) und die Hochschule Karlsruhe  in den Jahren 2022 bis 2024 das Modellprojekt „gÜRad“ durchgeführt. Ziel war es, zu untersuchen, welche Maßnahmen in der Praxis positiv auf den Überholabstand wirken, um daraus Hilfestellungen für Kommunen zu entwickeln.

Vorgehen

Die Messungen der Überholabstände erfolgten mit dem OpenBikeSensor. Bürger:innen radelten auf ihren Alltagsrouten definierte Wegestrecken und zeichneten dabei den Abstand vorbeifahrender Kfz auf. So wurden neuralgische Stellen im Netz identifiziert. Anschließend testeten die Kommunen im Rahmen von Realexperimenten unterschiedliche Maßnahmen. Diese reichten von Markierungslösungen wie Schutzstreifen über Kommunikationskampagnen bis hin zu verkehrsrechtlichen Regelungen.

Ergebnisse

Die Auswertung zeigt, dass unterschiedliche Faktoren auf den Überholabstand wirken und jeweils individuelle Lösungen gefunden werden müssen. Neben des verfügbaren Straßenquerschnittes lässt sich auch soetwas wie „Mobilitätskultur“ interpretierenÜberholabstände hängen nicht allein von der Infrastruktur ab, sondern auch vom Verhalten der Verkehrsteilnehmenden.

  1. Anpassungen der Radverkehrsinfrastruktur wirken bei verschiedenen Rahmenbedingungen unterschiedlich. Positive Effekte zeigten sich beispielsweise bei einer kombinierten Maßnahme, bei der durch abschnittsweise Fahrbahnverbreiterungen und der Kennzeichnung von Bereichen zum Überholen positive Effekte auftraten.
  2. Kommunikation kann im Zusammenspiel mit weiteren Maßnahmen ein entscheidender Faktor sein. Aufklärungsarbeit und sichtbare Kampagnen können zu einer Erhöhung  des Bewusstseins beitragen.

Fazit: Es braucht einen integrierten Ansatz aus Infrastruktur, Kommunikation und Ahndung von Verstößen – sowie weitere Forschung im Themenfeld Überholvorgänge Kfz/Fahrrad.

Praxisleitfaden

Auf Basis der Projektergebnisse hat die AGFK-BW einen Praxisleitfaden erarbeitet. Dieser bietet Kommunen:

  • Hilfestellungen zur Identifikation kritischer Stellen,
  • eine Übersicht möglicher Maßnahmen, deren Chancen und Grenzen,
  • Anregungen für die Kombination verschiedener Ansätze,
  • Empfehlungen für die Kommunikation vor Ort,
  • Hinweise zur Ahndung von Verstößen.

Ausblick

Die Ergebnisse von gÜRad machen deutlich: Überholabstände sind ein zentrales Thema für die Radverkehrsförderung. Mit dem Leitfaden steht nun ein praxisnahes Werkzeug zur Verfügung.

Unser Angebot an Sie

Nutzen Sie die Materialien, um das Thema in Ihrer Kommune voranzubringen – ob in Verwaltung, Politik oder Öffentlichkeitsarbeit. Melden Sie sich gerne bei uns, wenn Sie Fragen haben oder Unterstützung wünschen. Gemeinsam machen wir den Radverkehr weiter sicherer.

Projektbeteiligte

Nähere Informationen zu dem Projekt finden Sie auch auf der Seite des Mobilitätsforum Bund.

Abschlussveranstaltung des Projekts

Die Abschlussveranstaltung zum Modellprojekt gÜ-Rad fand am 29.11.2024 in Stuttgart statt. Vorgestellt wurden die wesentlichen Ergebnisse durch die Projektbeteiligten sowie daran anknüpfende Projekte und Lösungsansätze rund um das Thema Überholabstand zwischen Rad und Kfz.

Die AGFK-BW stellt Ergebnisse zum Modellprojekt gÜ-Rad, inklusive Praxisleitfaden für Kommunen, interessierten Pressevertreter:innen zur Verarbeitung zur Verfügung. Bitte registrieren Sie sich für den Presseverteiler der AGFK-BW, um rechtzeitig informiert zu werden.